Deutschlandfunk Kultur. Nachspiel.
Laut einer Studie bezeichnen sich fast 3,9 Millionen Menschen in Deutschland als Reiter, 1,25 Millionen als regelmäßige aktive Reiter. Es gibt rund 3800 Reiterhöfe die Reitunterricht, Ferienprogramme und Unterkünfte anbieten. Das sind enorme Zahlen, wie ich finde, die zeigen, wie viele Menschen sich mit Pferden beschäftigen. Und wenn Sie vielleicht vor der Wahl stehen, selbst mit dem Reiten anzufangen oder eine Wahl für Ihre Kinder zu treffen, stellt sich natürlich die Frage, was macht einen guten Reitstall aus?
Mein Kollege Thomas Wheeler hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht und unter anderem mit der therapeutischen Reitlehrerin Christiane Will gesprochen.
C. Will: „Das wichtigste Kriterium ist, dass es den Pferden, mit denen ich reiten lernen möchte, gut geht. Das sollen gesunde, fröhliche Tiere sein. Das heißt, sie brauchen eine Umgebung und Bedingungen, in denen sie sich wohlfühlen und in denen sie optimal versorgt sind.“
Sagt Christiane Will, therapeutische Reitlehrerin in Brandenburg. Sie bietet therapeutischen Reitunterricht auf dem Gut Seeburg an. Ein über 100.000 m² großes Gelände, gut 10 km hinter der Stadtgrenze Berlins.
C. Will: „Dazu gehören weite Auslaufflächen, also Flächen, auf denen alle 3 Grundgangarten möglich sind, Schritt, Trab, Galopp und die Haltung in einer Herde. Also keine Einzelhaltung auf einem kleinen Paddock oder gar in einer Pferdebox, sondern möglichst große Auslaufflächen und mehrere Pferde auf dieser Fläche, die sich bestenfalls auch noch gut verstehen.“
Von Reitvereinen und Reiterhöfen in der Stadt hält Christiane Will nichts.
C. Will: „Reiten in der Stadt halte ich für tierschutzwidrig aus den besagten Gründen. Pferde sind Steppentiere. Die brauchen also viel Licht, Luft, Raum zur freien Bewegung, nicht nur unter dem Reiter. Und in der Stadt haben wir eben genau das nicht.“
Das Wohl der Pferde ist das eine, das andere die generelle Atmosphäre auf einem Reiterhof oder in einem Reitverein.
C. Will: „Herrscht ein grundsätzlich freundlicher, zugewandter Ton. Das ist schon mal ein ausschlaggebendes Kriterium. Denn wenn ich schon nicht freundlich begrüßt werde, dann spricht vieles dafür auch, dass der weitere Umgang mit mir und womöglich auch mit den Pferden nicht sehr freundlich und liebevoll erfolgt.“
Bevor es zur ersten Stunde im Sattel kommt, sollte es aber zunächst eine intensive Einführung am Boden geben.
C. Will: „Ich muss also erst einmal wissen, womit habe ich es denn überhaupt zu tun, wenn ich mich einem Pferd nähere. Ein Pferd ist ein Fluchttier, ein Pferd ist ein Herdentier, sehr sozial und es spricht eine sehr differenzierte Sprache, die ich lernen muss.“
Das heißt, der Mensch muss erst einmal die Körpersprache des Pferdes verstehen.
C. Will: „Erst wenn ich verstanden habe, ah, so denkt, fühlt, empfindet ein Pferd und so spricht ein Pferd, bin ich überhaupt in der Lage, auch mich mit ihm zu verständigen, sodass wir ein gemeinsames Ziel verfolgen können, nämlich Spaß am Reiten.
Die Körpersprache gebe einen klaren Ausdruck darüber, ob sich das Pferd in der Gegenwart des Reitschülers wohlfühle oder eben nicht.
C. Will: „Mit einem guten Trainer, einer ausgebildeten Fachkraft oder jemandem, der sich tatsächlich nachweislich auch qualifiziert hat für diesen Beruf, kann ich das sehr schnell lernen. Und das ist der entscheidende Faktor, dass ich selbst befähigt werde, in eine autonome Beziehung zu diesem Pferd zu treten, bevor ich irgendwelchen Anweisungen folge und mich auf dem Pferd bewege.“
Christiane Wills Sohn Victor, der selbst reitet, empfiehlt bei der Wahl des Reitstalls oder der Reitschule, sehr genau hinzusehen.
V. Wills: „In den allermeisten Reitstellen, wo es Reitschulen gibt, die Pferde stellen, die Trainer stellen, die Equipment stellen, da hat man oft das Problem, dass die Leute, das Personal, die Reittrainer eben nicht qualifiziert ausgebildet sind.“
Professionelle Trainer weisen ihre Qualifikationen normalerweise auf ihren Homepages aus. Diese beruhen bei Victors Mutter auf drei Säulen. Eine Ausbildung nach den Richtlinien der Reiterlichen Vereinigung, kurz FN genannt, mit dem Reitabzeichen Klasse 3 und Trainer C. Eine psychotherapeutische Heilerlaubnis über Heilpraktiker und eine Ausbildung beim US-Pferdezüchter Monty Roberts, der auch als Pferdeflüsterer bekannt ist. Zum Bodenkontakt gehört auch das Führtraining. Dabei lernen Reitschüler, sich mit dem Pferd am Zügel von A nach B zu bewegen.
C. Will: „Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Denn nur wenn ich das Pferd führe, bin ich aus Sicht des Pferdes ranghoch. Und nur dann wird es mir folgen und meinen Anweisungen Folge leisten.“
Erst wenn der Reitschüler den Bodenkontakt mit dem Pferd erfolgreich verinnerlicht und absolviert hat, sollte er sich zum 1. Mal auf das Tier setzen.
C. Will: „Das Ganze findet in der Regel zunächst an der Longe statt. An der Longe heißt, das Pferd wird von dem Reittrainer in der Mitte gehalten und bewegt sich im Kreis um diesen Trainer herum.“
Dabei sollten die Schüler einen sog. handunabhängigen Sitz erlernen. Bedeutet, sich ohne mit den Händen festzuhalten, auf dem Pferd stabil zu halten.
C. Will: „Ohne die Hände ist deshalb wichtig, weil in dem Moment, wo ich von der Longe abgemacht werde, muss ich das Pferd selbst lenken.“
Ist die Schülerin oder der Schüler beim anschließenden freien Reiten auf einem umzäunten Platz oder in der Halle in den 3 Grundgangarten Schritt, Trab, Galopp sicher, kann der nächste Schritt erfolgen, der Ritt im Gelände. Einzelstunden seien am effektivsten, um das Reiten zu erlernen, meint Christiane Will. Um eine gute Reiterin oder ein guter Reiter zu werden, sei es unerlässlich, die Bereitschaft zu haben, sich auch selbst kennenlernen zu wollen.
C. Will: „Wenn ich ein sehr dominanter Mensch bin, dann komme ich mit dem Pferd an meine Grenzen. Weil das Pferd wird sich dieser Dominanz nicht unterwerfen, sondern versuchen, sich zu wehren oder sich zu entziehen.“
Ähnliches gilt allerdings auch für einen sehr zurückhaltenden und passiven Charakter.
C. Will: „Die Arbeit mit dem Pferd ist auch immer eine persönliche Weiterentwicklung. Und aus mir wird mit Sicherheit kein guter Reiter werden, egal wie sportlich ich bin oder welche sonstigen Voraussetzungen ich mitbringe. Wenn ich nicht bereit bin, auch die Fehler und Schwierigkeiten, die auftreten im Zusammenhang mit dem Pferd und mit dem Reitsport, auch bei mir die Ursache zu suchen und an mir zu arbeiten.“
Damit im Laufe eines Prozesses im Idealfall irgendwann die Situation eintritt, dass Reiter und Pferd quasi miteinander verschmelzen.
C. WIll: „Reiten soll Spaß machen, nicht nur dem Reitschüler, sondern auch dem Pferd. Und wenn man diese Energie einmal spürt, dass sich Pferd und Reiter in Harmonie bewegen, dann macht es Freude. Und wieder mehr Schub und Hände wieder auseinander.“
(Paywall):
Deutschlandfunk
vom 15.11.2025, 19.24 Uhr)
Im Interview mit ZEIT ONLINE äußert sich die Reittherapeutin und ehemalige Spitzensportlerin Christiane Schwagrzinna kritisch zur Situation beim Reitwettbewerb der Modernen Fünfkämpferinnen bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio. Dort hatte das Verhalten einer deutschen Athletin gegenüber einem sichtlich verängstigten Pferd breite Diskussionen über Tierwohl im Sport ausgelöst.
Schwagrzinna betont die zentrale Rolle von Vertrauen zwischen Pferd und Reiterin und lehnt jegliche Form von Gewalt im Umgang mit Tieren strikt ab. Sie erklärt, dass feines Reiten – auch im Leistungssport – möglich sei, Höchstleistungssport mit seinem extremen Druck jedoch häufig sowohl Tiere als auch Menschen überfordere. Besonders kritisiert sie das Reglement des Fünfkampfs, bei dem den Reiterinnen fremde Pferde kurz vor dem Wettbewerb zugelost werden. Ihrer Einschätzung nach sei dies nicht mit Tierschutz vereinbar.
Als erfahrene Therapeutin und Sportlerin plädiert Schwagrzinna für eine respektvolle Kommunikation mit dem Pferd und dafür, Grenzen zu erkennen und zu achten – zum Wohle beider Partner im Reitsport.
📎 Zum vollständigen Interview bei ZEIT ONLINE (Paywall):
„Ich kann ein Pferd nicht mit Gewalt von A nach B bringen“
(vom 7. August 2021, Interview: Alexander Krex)
Jörg Degenhardt im Gespräch mit Christiane Schwagrzinna |
Pferdetherapien, wie wir sie heute kennen, haben sich Ende der 60er, Anfang der 70er zuerst in den USA und Kanada etabliert. Therapeutisches Reiten schließt mittlerweile verschiedenste Fachbereiche ein, von Medizin und Pädagogik bis Psychotherapie.
Von Caroline Kuban |
Christiane Schwagrzina nennt sich selbst „die Pferdefrau“. Sie hat persönliche Krisen mithilfe von Pferden überstanden und gibt ihr Wissen mittlerweile als Therapeutin weiter. Die Klienten lernen etwa, was sie alleine durch entschlossenes Auftreten erreichen können.
„Ich habe meine Depression besiegt“
Dr. Angela Schulz wurde von Heilpraktikerin (Psychotherapie) Christiane Will mit Reittherapie geheilt. Nach ihrem Zusammenbruch hat sich Dr. Angela Schulz in der Therapie mit Pferden wieder erholt.
Beitrag von: Sira Huwiler-Flamm,
Fotos: Andreas Friese,
im November 2021
by Horse Radio Network | Dec 30, 2014 | Horsemanship Radio
Both Christiane Schwagrzinna of Germany and Angie Sheer of California foster great relationships with horses. Christiane left the world of high stress performance and discovered horses were the key to discovering how we reflect our attitudes to others. Angie found her calling with horses and Veterans of war and from Denmark, Joan Satori Soe’s tip on de-spooking. Listen in…