Christiane Will, Therapeutische Reitlehrerin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in. Brandenburg, mit ihren Bewertungen und Einordnungen zur Auflockerung der sogenannten No-Blood-Rule
im Springreiten im Deutschlandfunk vom 15.11.2025; 19.24 Uhr
00:00:01 — Deutschlandfunk Sport am Samstag. Der Weltreiterverband FEE hat bei seiner. Generalversammlung am vergangenen Wochenende
in Hongkong für großes. Aufsehen und Fassungslosigkeit gesorgt. 56 Nationen stimmten für eine. Lockerung der umstrittenen No-Blood-Rule im Springreiten. Was es damit auf sich hat, darüber habe ich mich vor der Sendung mit Christiane Will unterhalten. Sie ist Reittherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie in Brandenburg.
00:00:29 — Und zunächst wollte ich von ihr wissen, was die No-Blood-Rule genau besagt.
Спикер 1:
00:00:34 — Die No-Blood-Rule hat bisher sichergestellt, dass Pferde, die Verletzungen davon getragen haben, im Wettkampf oder unmittelbar davor aus dem Wettkampf genommen wurden. Und zwar kompromisslos. Jede blutige Verletzung führte zum sofortigen Ausschluss vom Wettkampf. Diese. Diese Regelung ist aufgehoben.
00:00:54 — Nun soll zukünftig bei blutigen Verletzungen des Pferdes ein tierärztlicher Check erfolgen und der Tierarzt soll unmittelbar im Wettkampf entscheiden, ob dieses Pferd weiterhin fit to compete ist, also weiter
am Springturnier teilnehmen kann oder nicht.
Спикер 2:
00:01:11 — Das klingt für mich nicht nach der Beachtung des Tierwohls.
Спикер 1:
00:01:15 — Nein, das ist zumindest nur noch eingeschränkt der Fall, wenn überhaupt, denn eine sichere. Ihre Überprüfung des Gesundheitszustandes des Pferdes kann innerhalb einer Wettkampfsituation nicht erfolgen. Pferde sind Fluchttiere und Beutetiere. Sie stehen unter enormer psychischer Anstrengung
und Anspannung in einem Wettkampf. Und in dieser Hochstress-Situation kann aufgrund des typischen Verhaltens eines Pferdes nicht festgestellt werden,
ob es unter Schmerzen leidet oder nicht.
00:01:46 — Denn es überdeckt diese Schmerzen, das ist eine evolutionäre Entwicklung, um nicht als. Beutetier erkannt zu werden, zeigt es generell kein Schmerzempfinden, obwohl es vielleicht hochgradig an Schmerzen leidet.
Спикер 2:
00:02:00 — Aber wenn das die Eigenschaften von Pferden sind und die bei Wettbewerben unter solch einem Stress stehen, macht es dann überhaupt Sinn, Pferde zu reiten in Wettbewerben, sei es beim Springreiten oder in der Dressur?
Спикер 1:
00:02:12 — Ja, das macht Sinn für die Zuchtverbände und für die Reitsportindustrie macht das großen Sinn, denn erfolgreiche Pferde erzielen horrende Preise und es geht einfach um den. Pferdemarkt, aber es geht nicht um das Pferdewohl.
Спикер 2:
00:02:27 — Der Weltreiterverband FEI hat also diese Entscheidung gefällt, mehrheitlich 56 zu 20. Was haben Sie für eine Erklärung für diese Entscheidung?
Спикер 1:
00:02:38 — Na, diese Entscheidung ermöglicht es, weiter am Wettkampf teilzunehmen, ein Pferd vorzustellen, das ich über Jahre gezüchtet, vorbereitet, trainiert habe, wo ich also immense Summen investiert habe in den Auftritt dieses Pferdes und ein kleiner Kratzer, der scheint jetzt erstmal nicht weiter relevant zu sein, warum soll das Pferd da nicht weiter starten?
00:03:00 — Aus den besagten Gründen, weil eben innerhalb des Wettkampfs sich nicht überprüfen lässt, wie schwerwiegend die Verletzung ist, wie schmerzhaft diese Verletzung ist, ist es nicht sinnvoll, die No-Blood-Rule
aufzulösen, aber die Interessen der Zucht- und Reiterverbände sehen eben anders aus.
Спикер 2:
00:03:19 — Gegen die Lockerung der No-Blood-Rule hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung votiert, mit welchen Argumenten?
Спикер 1:
00:03:27 — Ja, das ist sehr erfreulich, genau aufgrund der Schwierigkeiten, die Schmerzhaftigkeit einer Verletzung und den Grad der Schwere einer Verletzung im Wettkampfgeschehen zuverlässig festzustellen, gilt, dass zum Wohle des Pferdes immer die strikte Regelung, sobald eine Verletzung sichtbar wird, eine blutige Verletzung, muss zum Wohle des Pferdes abgebrochen werden.
00:03:53 — Und da hat sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung klar für das Pferd positioniert, was sehr erfreulich ist.
Спикер 2:
00:03:59 — Kritik kommt von Tierschützern natürlich, wie beispielsweise der Peter, aber aus meiner. Sicht interessanterweise nicht so hart wie sonst, wie bei anderen Fällen im Pferdesport oder wenn es um das Wohl von Tieren geht generell. Die Organisation sei erleichtert, dass die Veränderung der No-Blood- Rule auf den Springreitsport beschränkt bleibe, in der Dressur aber weiter nicht angewandt werde. Hat sie diese Reaktion auch ein bisschen überrascht?
Спикер 1:
00:04:27 — Ja, das ist überraschend, weil natürlich die Abschaffung, es gibt keine Differenzierung zwischen dem Schmerzempfinden von Dressur und Springpferden. Ein Pferd ist ein Pferd, egal in welcher Sportart es genutzt wird und auch die Springpferde sollten so strikt weiter geschützt werden, wie es jetzt die Dressurpferde werden, durch den Fortbestand der bisherigen Regelung.
00:04:52 — Und ich kann mir nur das so erklären, dass die PETA sich einfach auf den Bereich im Form von positiver Verstärkung stützt, der erhalten bleibt
und sich da hoffentlich auch weiter für den Springsport einsetzt und für die Springpferde.
Спикер 2:
00:05:10 — Stellen wir uns mal vor, eine Sportlerin oder ein Sportler ist verletzt. Dann ist es in der Regel so, dass die Ärzte kommen und schauen,
ob er seinen Wettbewerb fortführen kann oder nicht. Oft hören Athletinnen und Athleten dann auf. Jetzt ist es bei den Pferden so, dass, was die Springreit- Pferde angeht, offensichtlich ja vielfach weitergemacht werden kann mit dieser Lockerung der No-Blood-Rule. Pferde weiter reiten, obwohl sie verletzt sind und bluten, das klingt für mich nach Tierquälerei.
00:05:38 — Wie sehen Sie das?
Спикер 1:
00:05:39 — Ja, ich sehe das genauso, zumal ein Pferd eben nicht freiwillig sich entscheidet, an diesem Wettkampf teilzunehmen. Denn das Pferd hat keinerlei intrinsische Motivation, in diesem Wettkampf in irgendeiner Form zu bestehen. Und es ist, selbst wenn es das wollen würde, gar nicht in der Lage, seinen eigenen Zustand zuverlässig einzuschätzen, weil durch die Hochstress-Situation das Schmerzempfinden so stark unterdrückt wird, dass sogar schwerstverletzte Pferde weiter den Parcours versuchen würden zu bewältigen durch die Einwirkung des Reiters.
00:06:11 — Also man muss die Pferde nicht nur vor sich selbst schützen, sondern man muss eben auch klar sehen, dass das Pferd gar keine Motivation hat und keine Wahl, ob es weiter diesen Parcours bewältigt oder nicht.
(Paywall):
Deutschlandfunk
vom 15.11.2025, 19.24 Uhr)