Pferdegestützte Therapie bei Posttraumatischen Belastungsstörung

Menschen, die eine Bedrohung von katastrophenartigem Ausmaß erlebt haben, können an einer Posttraumatischen Belastungsstörung erkranken. Ihre Welt ist aus den Fugen geraten, sie mussten den totalen Kontrollverlust ertragen. Nur mühsam lässt sich danach ein scheinbar normales Leben führen – manchmal gelingt dies gar nicht mehr. Professionelle  Unterstützung ist dann genauso wichtig, wie bei einer schweren körperlichen Verletzung. Die Pferdegestützte Therapie ist in viele Behandlungskonzepte integriert, so zum Beispiel bei der Behandlung sexuell traumatisierter Patienten, bei amerikanischen Soldaten und Kriegsveteranen und be israelischen Soldaten. Das von mir verwendete „Join-up“ Konzept Monty Roberts (Videos sind zu sehen unter http://diepferdefrau.de/cms/index.php?page=fotos-videos und http://www.montyroberts.com) ist dabei insbesondere im amerikanischen Raum verbreitet. Der als Pferdeflüsterer bekannt gewordenen Kalifornier hat mir seine Methode für die Behandlung psychischer Störungen zur Verfügung gestellt. Das anerkannte Verfahren (http://www.veteranstoday.com/2012/04/06/horse-therapy-helps-veterans-break-through-ptsd) lernte ich von Monty Roberts persönlich, u.a. in seinem Ausbildungszentrum in Kalifornien. Seit 2010 praktiziere ich es in Berlin.

Das Pferd dient hierbei als Spiegel der Emotionen und Verhaltensweisen der Betroffenen. Achtsamkeit, Selbstverantwortung und Vertrauen lassen sich mit Hilfe des Pferdes neu erfahren. Die Verwendung des  „Join-up"  bei der Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung ermöglicht dem Betroffenen über den Kontakt zum Pferd wieder eine vertrauensvolle Sicht auf sich selbst, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und die Welt im Ganzen zu entwickeln. 

So funktioniert  die pferdegestützte Therapie  

Das erste Kennenlernen und die darauf folgenden Kontaktaufnahmen mit dem Pferd laufen in sich wiederholenden Schritten ab. Durch einen festen, ritualisierten Ablauf des Annäherns, der Versorgung des Pferdes mit Futter und Wasser und des Putzens wird dem Betroffenen Sicherheit vermittelt. Der intensive Körperkontakt mit dem Pferd schafft erstes Vertrauen und sensibilisiert den Betroffenen für die Reaktionen des Pferdes. Das Pferd dient hier als Spiegel der eigenen Emotionen, die dem Pferd vom Betroffenen nonverbal vermittelt werden. Erfolgen zum Beispiel das Putzen und das Streicheln des Pferdes verkrampft und abwesend, so wird sich das Pferd ebenso verkrampfen und unruhig werden. Lässt sich der Betroffenen auf den Kontakt mit dem Pferd in aller Ruhe ein, so wird es sich entspannen und beruhigen. Der Betroffenen sieht und spürt sich selbst über das Pferd.

Übungen zum Führen am Halfter schließen sich an, um Sicherheit und Kontrolle bei der Arbeit mit dem Pferd zu erlangen. Hierzu gehören Tempiwechsel, Anhalten, Rückwärtsrichten und das Folgen des Pferdes über kleine Hindernisse. Dies wird zunächst in der Reitbahn erprobt und sodann im Gelände verfestigt. Eine stabile Beziehung zum Pferd entsteht schließlich über das Join-up" , mit dem der Betroffenen die Führung des Pferdes ohne jede äußeren Hilfsmittel übernimmt (http://diepferdefrau.de/cms/index.php?page=fotos-videos ).

Achtsamkeit, Körperwahrnehmung und Koordination werden hier geschult. Eindringliche Erfahrungen der Selbstkontrolle und der Selbstwirksamkeit lassen sich sammeln. Das Vertrauen in das Pferd wächst ebenso wie das Selbstvertrauen – und letztlich das Vertrauen in die Welt. 

Nach dem Aufbau einer stabilen Beziehung kann der Kontakt mit dem Pferd auf das Reiten ausgedehnt werden. Dies ist weder Ziel noch Bedingung der Therapie, sondern eine von vielen Möglichkeiten der prozessorientierten Arbeit mit dem Pferd. Beim Reiten lassen sich körperliche Erfahrungen auf einzigartige Weise positiv prägen. Der Körper als Ort eines traumatischen Geschehens kann wieder positiv wahrgenommen werden. Der Betroffene steht dabei im ständigen Kontakt zum begleitenden Therapeuten, der das Pferd führt und mit Wahrnehmungsübungen und kognitiven Methoden eine Verankerung in der Realität ermöglicht. 

Erste Erfolge

Die Begegnungen mit dem Pferd ermöglichen es dem Betroffenen, ein Gefühl der inneren Leere und Starre durch positive Emotionen zu ersetzten. Verbundenheit und Akzeptanz im Miteinander lassen sich mit dem Pferd neu erleben und auf andere Beziehungen übertragen. Wer einmal erlebt, wie ihm ein so großes Fluchttier wie das Pferd bedingungslos folgt und Schutz und Geborgenheit durch Nähe sucht, wird diese Erfahrung nicht mehr vergessen. Aber auch Kontrolle und Selbstwirksamkeit werden mit dem Pferd neu erprobt, um die Erfahrungen von Ohnmacht und Ausgeliefert sein zu ersetzen. Wer ein Pferd führen will, muss sich selbst klar sein über seine Ziele und Möglichkeiten. So kann es für die Betroffenen eine Herausforderung sein, das Pferd von der Box in die Halle zu führen. Nach einiger Zeit ist es ihnen oft möglich, auch im Gelände die Verantwortung für sich und das Pferd zu übernehmen. 

Der unmittelbare Kontakt zwischen Pferd und Mensch fördert die Achtsamkeit und Selbstverantwortung. Mit seiner zugewandten Art hilft das Pferd, im Hier und Jetzt zu bleiben. Abgetrennte und schmerzhafte Empfindungen, zu denen auch Angst, Wut und Trauer gehören können, lassen sich so in das eigene Körperschema integriert. Oftmals können diese Emotionen durch die Berührung mit dem Pferd erstmals wieder verbalisiert werden, was letztlich die Überwindung des Traumas ermöglichen kann.

 Berlin, 05.02.2013 

Christiane Schwagrzinna