ASV-Reittherapie

Achtsamkeit, Verantwortung und Vertrauen

Über das Lernen von und mit den Pferden –
Von Christiane Schwagrzinna, der Pferdefrau


Der Kontakt zu Pferden ist seit meiner Kindheit ein wichtiger Teil meines Lebens. Pferde waren es, die mir geholfen haben, schwere persönliche und berufliche Krisen zu überwinden und an Schwierigkeiten zu wachsen. Die Pferde geben mir bis heute immer wieder Kraft. Sie haben mich gelehrt, Vertrauen zu entwickeln, wo zuvor Angst oder Skepsis herrschten, die volle Verantwortung für mich und die Gestaltung meines Lebens zu übernehmen und mit allen Sinnen wahrzunehmen, was ist - also bei mir zu bleiben, auch wenn es hektisch wird.

Die Arbeit mit den Pferden gibt mir Selbstvertrauen, stärkt meine Selbstverantwortung und meine Achtsamkeit, ohne sie wäre ich wohl noch heute eine Gefangene meiner Emotionen: Trotz großer beruflicher und sportlicher Leistungen, trotz Partnerschaft und Familie war ich nicht glücklich. Erst die Pferde haben mir geholfen, meine Depressionen, Ängste und Abhängigkeiten zu überwinden. Solche psychischen Erkrankungen beruhen oft auf einem Mangel an Vertrauen, Selbstverantwortung und Achtsamkeit.

Der Umgang mit Pferden hat mir geholfen, meine psychischen Erkrankungen zu heilen und mich zu einer stabilen Persönlichkeit zu entwickeln. Heute akzeptiere ich mich so, wie ich bin, mit allen meinen Vorzügen und Talenten, aber auch mit meinen Schwächen und Fehlern. Heute kann ich innerlich und äußerlich frei entscheiden, in welche Richtung sich mein Leben entwickelt. Heute kann ich selbst dafür sorgen, dass meine innersten Bedürfnisse nach Liebe und Glück erfüllt werden.

Diese positiven Erfahrungen, die ich im Kontakt mit Pferden gemacht habe, möchte ich gerne teilen und weiter vermitteln. In meinem Beruf als Rechtsanwältin habe ich es oft erlebt, dass beispielsweise eine gerichtliche  Auseinandersetzung, ein Streit, nur Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit meiner Mandanten war. Und so brachte ihnen ein gewonnener Prozess keinen dauerhaften Frieden, der nächste Streitfall war vorprogrammiert.  Statt weiter in Gerichtssälen an Symptomen zu arbeiten, möchte ich andere Menschen auf ihrem persönlichen Weg zu größerer Lebenszufriedenheit begleiten.

Voraussetzung ist der Wille, sich auf das Wunder der Kooperation zwischen Pferd und Mensch einzulassen, kurz um: Riskieren Sie den Kontakt zu den Pferden, erlernen Sie den richtigen Umgang mit ihnen - und dabei ganz nebenbei den richtigen Umgang mit sich selbst!

Wie ich arbeite: Erleben von Vertrauen, Selbstverantwortung und Achtsamkeit

Mein heutiges Verständnis von Pferden wurde entscheidend durch Monty Roberts geprägt. Seit über 50 Jahren beschäftigt sich der, als „Pferdeflüsterer“ bekannt gewordenen Kalifornier mit dem Wesen der Pferde und ihrer Art der Kommunikation. Aus dem Verhalten wildlebender Pferde in ihrer natürlichen Umgebung leitete Monty Roberts eine Methode des gewaltfreien Umgangs mit ihnen ab – das Join-Up.

Dank des Join-up´s lässt sich binnen kurzer Zeit eine vertrauensvolle Beziehung zu Pferden herstellen, die herausragende sportliche Erfolge wie auch ein harmonische Partnerschaft zu ihnen ermöglicht.
Join-up lässt sich auf viele Bereiche des menschlichen Denkens, Erlebens und Verhalten übertragen. So kann der Mensch über den Kontakt zum Pferd eine vertrauensvolle und eigenverantwortliche Sicht auf sich selbst, seine zwischenmenschlichen Beziehungen und die Welt im Ganzen entwickeln.

Vertrauen bedeutet in diesem Zusammenhang ein liebevolles Annehmen der Dinge, so wie sie sind. Verantwortung umfasst die Fähigkeit, zwischen Dingen, die beeinflussbar sind und solchen die unabänderlich sind, zu unterscheiden und entsprechend zu handeln. Um Vertrauen und Selbstverantwortung zu entwickeln, braucht es Achtsamkeit, also die Fähigkeit, mit allen Sinnen wahrzunehmen, was ist. Der Umgang mit Pferden kann uns helfen, unsere Achtsamkeit wieder zu erlangen oder zu stärken. Achtsamkeit zu üben bedeutet, sich seiner Umwelt und seinen Empfindungen bewusst zu werden und beides aktiv in Einklang miteinander zu bringen. Wie von selbst ergeben sich aus dieser Geisteshaltung Authentizität und natürliche Autorität, beides unerlässliche Führungsqualitäten. Und das Pferd zeigt uns auch gleich, ob wir über diese Eigenschaften verfügen:
Es folgt uns freiwillig, wenn es uns als vertrauenswürdig empfindet und wir ihm Sicherheit bieten.

Kooperation zwischen Pferd und Mensch -
Wie denkt und verhält sich ein Pferd und was können wir daraus lernen?

Das Pferd ist ein Wesen, das seit dem Eozän, also seit rund 56 Mio. Jahren,  nach den Prinzipien Vertrauen, Verantwortung und Achtsamkeit lebt. Pferde sind höchst achtsame Geschöpfe. Das Überleben eines Pferdes hängt entscheidend davon ab, wie aufmerksam es seine Umwelt, aber auch seine Bedürfnisse nach Ruhe, Nahrung und Sozialkontakten wahrnimmt. Es registriert jede kleinste Bewegung im Gebüsch und jede Veränderung in der Herde. Genauso schnell, wie es fluchtbereit ist, muss es sich wieder entspannen können, um nicht unnötig Energie zu verschwenden.
Damit lebt es uns vor, was bereits Buddha als zentrale Eigenschaft auf dem Weg des Erwachens pries: Achtsamkeit, das heißt die Anwesenheit im gegenwärtigen Moment mit allen Sinnen. Nur wer wach und bewusst wahrnimmt, was in ihm und um ihn herum geschieht, kann angemessen reagieren und aus Erfahrungen lernen.

Für die wild lebende Pferdeherde ist zum anderen eine strikte Hierarchie notwendig, die Herde wird von der Leitstute angeführt. Ob es um das Aufsuchen einer neuen Futterstelle oder um die Flucht vor Raubtieren geht, der Leitstute wird sofort gefolgt. Sie kommuniziert allein per Körpersprache, ohne Diskussion -  die Herde vertraut der Leitstute blind. Denn wer nicht folgt, hat keine Überlebenschance. Das Pferd braucht in der freien Natur die intakte Herde. Als Flucht- und Beutetiere kann es nur dann fressen oder ruhen, wenn andere Herdenmitglieder ihm Schutz bieten und aufpassen, dass sich kein Feind anschleicht.

Das wichtigste Pferd, die Leitstute erwartet von jedem Herdenmitglied Respekt, etwa durch die Einhaltung eines gebührenden körperlichen  Abstandes. Wenn sie kommt, haben die anderen auszuweichen. Solche Demutsgesten werden permanent verlangt, um sicherzustellen, dass die Rangordnung im Ernstfall eine geordnete Flucht ermöglicht und sich die Herde nicht in alle Winde zerstreut. Wer aber schon im Alltag nicht folgt, den jagt die Leitstute aus der Herde. Erst wenn sich das ausgeschlossene Pferd unterwirft, darf es zurückkommen. Sonst droht ihm der Tod als Beutetier. So lernt jedes Mitglied der Herde, was es tun muss, um dazu zu gehören und zu überleben. Und selbstverständlich ist nur eine fähige, eine starke Stute eine geeignete Leitstute. Vertrauen in die Stärke der Leitstute entsteht nur, wenn diese sich vertrauenswürdig verhält. Dazu gehört auch, konsequent auf die Einhaltung der Rangordnung zu bestehen. Die Pferde demonstrieren uns mit ihrem in Jahrtausenden genetisch festgelegtem Verhalten die (Überlebens-)Prinzipien Vertrauen, Selbstverantwortung und Achtsamkeit.

„Join-up“ kopiert das tierische Verhalten und macht so eine effektive und gewaltfreie Kommunikation mit dem Pferd möglich. Die auch heute noch üblichen Zwangsmittel, etwa beim Zureiten eines Pferdes, werden überflüssig. Denn das Pferd entscheidet selbst, ob und wann es sich dem Menschen anschließt, ihm also unbedingtes Vertrauen entgegenbringt und kooperiert. Das Pferd folgt jedoch nur dann, wenn der Mensch sich vertrauenswürdig verhält, also konsequent und berechenbar in seiner Sprache mit ihm spricht, denn eine andere versteht das Pferd einfach nicht. Pferde, die sich widersetzlich verhalten, haben in erster Linie Verständnis- und Hierarchieprobleme mit den Menschen.
 
Die einzelnen Schritte des Join-up´s, so funktioniert die Kommunikation

Pferd und Mensch befinden sich im Round-Pen, einem kreisförmig umschlossenen Raum von mind. 16 Metern Durchmesser. Pferd und Mensch können sich frei bewegen.  Es entsteht eine Beziehung, die geprägt ist von Desinteresse, Ablehnung oder auch Interesse. Das Pferd wird dies durch seine Körpersprache ausdrücken,  vielleicht auch verbal, wenn es nach Artgenossen wiehert.

Auch der Mensch kommuniziert durch seine Körpersprache, seine Gesten  und Bewegungen (wie bewegt er seine Hände, schaut er das Pferd an, ist die Schulter des Menschen zugewandt oder nicht usw.) und auch durch seine emotionale Verfassung. Das Pferd reagiert unmittelbar auf die Beziehungsangebote des Menschen. Es versteht  die Körpersprache des Menschen.

Es ist der Mensch der die Beziehung zum Pferd im Round-Pen bestimmt. Zunächst scheucht er das Pferd von sich weg, so wie die Leitstute das widerspenstige Pferd aus der Herde schickt. Jetzt beginnt eine ganz besondere nonverbale Kommunikation.

Welche Körperhaltung muss eingenommen werden, um das Pferd in Bewegung zu bringen, wie viele Runden soll es in welcher Gangart laufen, wann die Richtung wechseln. Hierzu bedarf es einer aufmerksamen Wahrnehmung der eigenen menschlichen Körpersprache, der eigenen Empfindungen. Wichtig ist, das Pferd genau zu beobachten, denn es zeigt dem Menschen, wie der sich verhält.

Nach etwa 10 Minuten beginnt das Pferd Kooperationsangebote zu machen, es sucht Anschluss: Das Pferd wendet sein inneres Ohr dem Menschen zu, fängt an zuzuhören und verringert den Abstand zwischen sich und dem Menschen. Die Kreise werden kleiner, die Gangart des Pferdes wird ruhiger.

Der Mensch beantwortet dies durch Verringerung des Drucks, ausgeübt allein durch seine Körpersprache und Blickrichtung.

Das Pferd macht schließlich deutlich, dass es die Führungsrolle des Menschen anerkennt: Es senkt den Kopf, bis die Nase fast den Boden berührt, kaut und leckt, während es weiter seine Runden um den Menschen dreht. Dies ist der Moment, in dem die Einladung an das Pferd ausgesprochen werden kann, wieder ein Mitglied der „Herde“ zu werden, die durch den Menschen angeführt wird.

Der Mensch wendet sich ab, nimmt allen Druck vom Pferd und macht es ihm so möglich, sich ihm anzuschließen: Das Pferd nähert sich dem Menschen, berührt ihn mit der Nase und folgt ihm ohne Zwang. Es ist eine auf gegenseitigem Vertrauen beruhende Partnerschaft entstanden, in der das Pferd die Führungsrolle des Menschen anerkennt -  ohne gewaltsame Unterwerfung. Der Mensch erlebt eindrucksvoll, welche enorme Wirkung gewaltfreier Kommunikation, basierend aufAchtsamkeit, Verantwortung und Vertrauen hat.

Die Pferdefrau

Christiane Schwagrzinna